Marienmonat Mai

Die Maiandacht an der Sana-Klinik Biberach konnte am 1. Mai 2020 zum ersten Mal seit ihrer Einführung im Jahr 1984 nicht stattfinden. Das war für viele Gläubige, die sich wie jedes Jahr auf diesen Beginn des Marienmonats Mai gefreut hatten, auf die Musikkapelle, das gemeinsame Singen und Beten und die Begegnung mit vielen Bekannten, die seit 1984 an dieser Maiandacht teilnehmen, sehr schade. Doch es war angesichts der Pandemie notwendig, so zu entscheiden. Rücksichtnahme, Fürsorge für unsere Mitmenschen, Solidarität untereinander sind Eigenschaften dessen, was wir Christen mit Nächstenliebe umschreiben.
So wie wir jedes Jahr die Maiandacht für die Kranken und Sterbenden, ihre Angehörigen und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik gefeiert haben, können wir in diesem Jahr unsere Gebete auch von Zuhause aus sprechen.

Neben gemeinschaftlich gepflegtem Gebet und Gottesdienst ist das allein gesprochene oder im Stillen gehaltene Gebet eine wichtige Ausdrucksform unseres Glaubens. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir im Wohnzimmer, im Garten, auf dem Balkon, bei einem Spaziergang oder beim Besuch einer Kirche im Stillen ein Gebet sprechen.
Im Mai erfahre ich, wie wichtig vielen Menschen, kranken und gesunden, Maria, die Mutter Gottes, als sogenannte Fürsprecherin ist. Natürlich richtet sich unser Gebet direkt an Gott und an Jesus, seinen Sohn. Doch im Laufe der Jahrhunderte haben sich Traditionen entwickelt, die das Gebet durch die Anrufung eines Fürsprechers oder einer Fürsprecherin besonders betonen möchten. Das 2. Vatikanische Konzil erklärt dazu in seiner Konstitution Lumen Gentium (Kap. VIII):

"In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie [= Maria] Sorge für die Brüder [heute ergänzen wir: und die Schwestern] ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefahren und Bedrängnissen weilen, bis sie zur seligen Heimat gelangen. Deshalb wird die selige Jungfrau in der Kirche unter dem Titel der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin angerufen. Das aber ist so zu verstehen, dass es der Würde und Wirksamkeit Christi, des einzigen Mittlers, nichts abträgt und nichts hinzufügt."

So zu beten, nimmt auch unsere Vorfahren ernst, die mit ihrem Wissen in frühen und mittelalterlichen Zeiten Fürsprecher und Fürsprecherinnen zur Gebetsunterstützung aufgerufen haben.

In diesem Sinne schließe ich mit dem ältesten bekannten Mariengebet. Es entstand im dritten und vierten Jahrhundert:


„Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige
Gottesgebärerin;
verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten,
sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren.
O du glorreiche und gebenedeite Jungfrau,
unsere Frau, unsere Mittlerin,
unsere Fürsprecherin.
Versöhne uns mit deinem Sohne,
empfiehl uns deinem Sohne,
stelle uns vor deinem Sohne.“

 

Johannes Walter - Klinikseelsorger und Pastoralreferent